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Helga König und Simone Langendörfer im Gespräch mit Mathieu Carrière, deutscher Schauspieler und Autor

Lieber Mathieu Carrière, Sie haben Philosophie  in Paris  studiert und sind  ein renommierter Schauspieler und Autor.

Am 21. Juni 2002 haben Sie die Ritterwürde der französischen Ehrenlegion für Ihre künstlerischen Verdienste erhalten. 

Sie sind Kämpfer für eine umfassende Reform des deutschen Kindschaftsrechtes.

Wir  freuen uns, dass Sie an dem Interviewprojekt "Wann  ist eine Kindheit kindgerecht?" teilnehmen.

Helga König:  Werden Kinder heute extrem auf Leistung  "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck?

Mathieu Carrière
Foto: Peter Hönnemann
mail@peter-hoennemann.de
Mathieu Carrière: Kinder werden heute sehr viel weniger "gedrillt" als noch vor 10 Jahren. Leistungsdruck entsteht durch Erwartungen oder Indifferenz der Eltern. 

Simone Langendörfer: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war? 

Mathieu Carrière: Kindsein heißt Spiel, Neugier, Vertrauen. Nein, es war früher schwieriger Kind zu sein. 

Helga König
Helga König: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen?

Mathieu Carrière: Schule kann und soll Kinder nicht glücklich machen. Aber lernen kann man nur wenn‘s Spaß macht und von Lehrern, die man mag. Also sollten Lehrer mehr auf ihre Beziehung zu den Schülern achten, als auf den Lehrplan. Zensuren abschaffen, Teamwork fördern. 

Simone Langendörfer: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

Mathieu Carrière: Überhaupt keine. In der Latenz sind Eltern nicht mehr so wichtig. 

Helga König: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

Mathieu Carrière: Das Innenleben und Selbstwertgefühl von Kindern hat nichts mit Geld zu tun, sondern wird hauptsächlich bestimmt durch die Qualität (bzw Ambivalenz) der frühkindlichen Bindungserfahrungen.

Simone Langendörfer: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

 Mathieu Carrière
 Foto: Peter Hönnemann
Mathieu Carrière: Auf keinen Fall! Ärzte wissen mehr über das Kindeswohl als die Eltern. Misstrauen gegenüber der Schulmedizin kann zu schwersten Persönlichkeitsstörungen führen. 

Helga König: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben?

Mathieu Carrière: 
1. Depressives Kind:: Ich würde es mal fragen, wie es ihm geht, und warum es ihm so geht. Ihm zuhören. 
2. Verträumtes Kind: Mit ihm in den Zoo gehen. 
3. Extrem aufgedrehtes Kind: Mit ihm und anderen Kindern ein Theaterstück entwickeln und aufführen. 

Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

Mathieu Carrière: 
Eltern: Ihnen zuhören, ihre Interessen tolerieren und fördern. 
Lehrer: Sie durch mehr Zuwendung und persönlichen Einsatz zum gemeinsamen Arbeiten motivieren. Loben statt tadeln. 

Helga König: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"? 

Mathieu Carrière: Keine Ahnung. 

Simone Langendörfer: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

Mathieu Carrière: Ist das so?

Lieber Mathieu Carrière, wir danken Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König, Ihre Simone Langendörfer.

Simone Langendörfer und Helga König im Gespräch mit Susanne Oswald, Autorin vieler Bücher, auch von Kinder- und Jugendbüchern

Liebe Susanne Oswald, Sie sind Autorin von Romanen, Krimis, Sachbüchern sowie Kinder- und Jugendbüchern. Auf  "Buch, Kultur und Lifestyle" wurde u.a. Ihr Buch "Ein Garten  für die Seele" vorgestellt. Dazu auch haben Sie ein Interview gegeben.

Wir freuen uns, dass Sie  am Interview-Projekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht?" teilnehmen.

Simone Langendörfer:  Werden Kinder heute extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck?

 Susanne Oswald
Susanne Oswald: Ich bin mir nicht sicher, ob das heute wirklich schlimmer ist als früher, es ist aber ganz sicher anders. Früher mussten Kinder früh mitarbeiten, auf ihre Geschwister aufpassen oder den Haushalt organisieren, sie durften körperlich gezüchtigt werden und wurden oft früh von der Schule genommen, weil die Arbeitskraft wichtiger war als Lernen. Kinderarbeit war normal. Da hat sich vieles geändert, einiges gebessert. Doch leider hat sich der Druck zum Teil auch nur verschoben. Heute sollen Kinder ihren Fokus auf Schule und dortige Leistung legen – was grundsätzlich gut ist. Leider wird das oft so übertrieben, dass es doch wieder in Kinderarbeit ausartet und der Kindheit zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit bleibt. Hier sind die Eltern gefragt, die den Menschen fördern und nicht immer nur Leistungen fordern sollten. 

 Helga König
Helga König: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war?

Susanne Oswald:  Ich glaube, man macht es sich zu einfach, wenn man sagt: Früher was es besser. Jede Zeit hat ihre Probleme und jede Kindheit hat ihre guten und schlechten Zeiten. Natürlich läuft heute einiges schief und wir machen viel zu oft aus unseren Kindern kleine Erwachsene – oder versuchen es zumindest. Aber auf der anderen Seite sind wir für viele Themen sensibilisiert und haben viele katastrophale Umstände abgestellt. Wenn ich zum Beispiel an die Generation der misshandelten und missbrauchten Heimkinder denke, auch wenn es keine Garantie gibt, dass solche Dinge sich nicht wiederholen, heute gibt es zumindest Kontrollen und ein Bewusstsein für Kindeswohl – das aber immer weiter ausgebaut werden sollte. Nach meiner Erfahrung gibt es noch viel zu tun und wir müssen uns unbedingt weiter um die Sensibilisierung kümmern, aber viele von uns sind in die richtige Richtung unterwegs. Und es werden immer mehr. 

Simone Langendörfer: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen? 

Susanne Oswald:  Der Fokus sollte mehr auf die individuellen Fähigkeiten gelegt werden, Kinder sollten bestärkt und unterstützt werden. Zum Teil wird das schon gemacht, aber dieses strikte Leistungsdenken, wie es an unseren Schulen gelebt wird, steht der Entwicklung oft im Weg. Ich glaube, da könnte ein Blick und ein Beispiel nehmen über die Landesgrenzen Richtung Norden uns gut tun. 

Helga König: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

Susanne Oswald: Es ist bequem, schwierigen Situationen mit Pillen zu begegnen und es wird von der Gesellschaft geradezu erwartet. Eltern geraten sehr schnell unter Druck. Aber natürlich ist es ihnen nicht bewusst, was sie ihren Kindern damit antun. Das wird auch viel zu sehr runtergespielt. Es ist wichtig, dass hier ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet. 

 Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

Susanne Oswald: Geld allein macht nicht glücklich, diese Weisheit gilt nicht nur für Erwachsene.

Helga König: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht?

Susanne Oswald: Misstrauen ist grundsätzlich der falsche Ansatz, aber niemand sollte seinen Verstand an der Tür der Arztpraxis abgeben. Es ist immer wichtig, dass Patienten oder ihre Angehörigen mitdenken, denn ein Arzt sieht nur einen Teilbereich des Patienten und hat natürlich auch eine persönliche Meinung und Handhabung, die nicht immer mit der des Patienten übereinstimmen muss. 

Simone Langendörfer: Was denken und empfinden Sie, wenn Sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

Susanne Oswald: Jeder Mensch hat seine eigene Persönlichkeit, Kinder leben diese stärker aus, Erwachsene kontrollieren sich mehr, deshalb nimmt man diese Eigenschaften bei Kindern stärker wahr. Sollte ein Kind wirklich depressiv sein, braucht es Hilfe. Ansonsten ist es gut und gesund, wenn Kinder auch mal extrem sein dürfen und so ihren Charakter entwickeln. Was ich dabei empfinde, kommt auf die Situation und das Ausmaß an. Nicht in jeder Situation ist das Ausleben der Gefühle angenehm und angezeigt, da braucht es den Halt und die Leitung durch die Eltern, so kann das Kind soziale Kompetenz lernen. 

Helga König: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

 Susanne Oswald
Susanne Oswald:  Den Leistungsdruck mindern, den Fokus mehr auf den Menschen legen und nicht so sehr auf die Note und vor allem die Wertigkeit eines Menschen nicht von einer Schulnote abhängig machen.

Simone Langendörfer: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"? 

Susanne Oswald:  Es gibt eine Armut an gemeinsamen Unternehmungen, wir neigen dazu unsere Zeit, von der wir alle gleich viel haben, für vermeintlich wichtigere Dinge zu nutzen. Und es gibt den wirtschaftlichen Druck, der viele dazu zwingt, ihre Zeit mit Geld verdienen zu verbringen, Zeit, die eigentlich den Kindern gehören sollte. Andererseits habe ich oft gesehen und selbst erlebt, dass knappe Zeit eine höhere Wertigkeit bekommt, was die Knappheit dann wieder ausgleicht. Nein, ich glaube nicht, dass wir eine Armut an Liebe und Geborgenheit haben. 


Helga König: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich?

Susanne Oswald:  Das kann ich tatsächlich nicht beantworten. Ich bin Deutsche, ich lebe in Deutschland, und ich bin glücklich und immer gerade so zufrieden – oder unzufrieden – dass ich nicht träge werde. Ich liebe das Leben und gebe diese Liebe über meine Bücher an die Leser weiter.

Liebe Susanne Oswald wir danken Ihnen herzlich für das Interview.

Ihre Simone Langendörfer, Ihre Helga König.


Helga König und Simone Langendörfer im Gespräch mit Florian Fock, Schulleiter der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog

Lieber Florian Fock, Sie sind Schulleiter der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog. 

Die Hermann-Lietz-Schule Spiekeroog ist ein staatlich anerkanntes Internatsgymnasium in freier Trägerschaft. Die ruhige Lage auf der Insel Spiekeroog und die kleinen Klassen mit durchschnittlich 15–18 Schülern schaffen,  wie man Ihrer Website entnehmen kann, ideale Lernbedingungen für die Schüler dort. 

Über die Schulgeschichte, den Schulalltag dieses Internats und anderes mehr können sich die Leser auf Ihrer Website ausgiebig informieren. 

Wir freuen uns, dass Sie an unserem Interviewprojekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht?" teilnehmen. 

Helga König: Werden Kinder  heute  extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck? 

 Florian Fock
Schulleiter 
der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
Florian Fock: Spätestens seit dem "PISA-Schock" hat sich der Glaube breit gemacht, man könne durch immer mehr Leistungstests Qualitätssicherung betreiben und die Kinder dadurch auf einen vermeintlich immer durchgreifenderen internationalen Wettbewerb vorbereiten. Dabei wurden Stimmen aus der Wirtschaft laut, die in manchen Bundesländern zur Verkürzung der Schulzeit geführt haben. In Niedersachsen wird diese Fehlentscheidung nun wieder rückgängig gemacht, nicht zuletzt auch weil die Wirtschaft mit unselbstständigen Abiturienten nichts anfangen kann. Schulische Bildung kann aber nicht nur dafür da sein, die teilweise widersprüchlich formulierten Ansprüche des Arbeitsmarktes zu erfüllen, sondern es muss auch Raum für Persönlichkeitsentwicklung und Werteerziehung geben. 

 Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war?

Florian Fock: Kindsein heißt für mich, Zeit für scheinbar unsinnige Umwege zu haben, sich ausprobieren zu dürfen und spielerische Neugier ausleben zu dürfen. Die neuen Medien sind ein Segen für die Menschheit, aber es geht von ihnen auch ein ungeheurer Sog aus, der manchen Jugendlichen die Möglichkeit, Kind zu sein, nimmt. Hier lauern Gefahren, durch die kreative Kräfte frühzeitig gelähmt werden. 

Helga König: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen?

  Florian Fock
Schulleiter 
der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
Florian Fock: Ich leite eine Schule, in der Lehrer und Schüler zusammen auch leben und arbeiten. Dadurch entstehen viele Berührungspunkte außerhalb der von Schulbuchverlagen vorbereiteten Aufgaben. Schulen brauchen solche Freiräume, hier spielt sich kreatives und soziales Lernen ab, das nachhaltiger wirkt als nur kurz vor einer Klassenarbeit 20 Stichworte auswendig zu lernen. 

Simone Langendörfer: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

Florian Fock: Kann ich nichts zu sagen, verstehe ich nicht wie das gemeint sein soll.

 Helga König
Helga König: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

Florian Fock: Kinder brauchen für ihr Glücksgefühl nur scheinbar das neueste Smartphone. In Wirklichkeit brauchen sie Zeit, die Erwachsene für sie haben. Zeit ist das Kostbarste, und der berufliche Alltag lässt das leider oft nicht zu. Bei uns im Internat sind viele Erwachsene da, die sich fürsorglich den Kindern und Jugendlichen widmen. Und zuwendungsbedürftig sind alle, gerade in der Phase der Pubertät, in der manchmal zwischen Eltern und Jugendlichen Beziehungsabbrüche das Miteinander erschweren. 

Helga König: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

  Florian Fock
Schulleiter
der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
Florian Fock: Nein, auf keinen Fall. Es ist wichtig, einen Arzt des Vertrauens zu finden. Es gibt meistens aber nicht nur eine Diagnose einer Krankheit, und viele Wege der Behandlung, je nachdem welchem Weg man als Elternteil eher zugetan ist. Bei vorgeschlagenen Behandlungswegen müssen Eltern aktiv mitdenken, unausgesprochenes Misstrauen hilft aber nicht weiter. 

Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

Florian Fock: Mit der Frage kann ich nichts anfangen. Alle Kinder sind einzigartig und verschieden. Wenn eine Verhaltensweise nicht nur vorübergehend sondern eine Eigenschaft des Kindes ist, und ich beruflich mit dem Kind zu tun habe, versuche ich mit allen Beteiligten (Kollegen, Kind, Eltern) Wege zu finden, durch die das Kind gestärkt wird und sich in Lernsituationen zurecht finden kann.

 Helga König
Helga König: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

Florian Fock: Sie könnten eine Vielfalt an Schulen und Lernformen zulassen, ohne mit ideologischen Scheuklappen, parteipolitischen Strategien oder gewerkschaftlich motivierten Besitzstandskämpfen bildungspolitische Diskussionen zu führen. Dabei muss das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen, und nicht das Wohl einer Wiederwahl, oder das Wohl des unantastbaren Beamtentums. 

Simone Langendörfer: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"? 

Florian Fock: Das sehe ich nicht so. Grundsätzlich sind wir eine Gesellschaft, in der man sich umeinander kümmert! 

Helga König: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

  Florian Fock
Schulleiter
der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
Florian Fock: Wir leben in einer Wohlstands- gesellschaft. Es gibt zwar auch in Deutschland materielle Armut, aber der letzte unmittelbare Krieg ist lange her und die gesellschaftliche Erinnerung verblasst. Den meisten Menschen geht es materiell gut, es gibt keine Naturkatastrophen, keine Krisenstaaten als Nachbarländer, und eine landesweit gut ausgebaute Infrastruktur. Wir sind perfekt organisiert, gut versichert, und Lebensmittel sind günstig. 

Bildung kann man kostenfrei mit guter Qualität bekommen. Im weltweiten Vergleich haben wir also optimale Lebensbedingungen. Es gibt viele Gründe, warum trotzdem Unzufriedenheit entsteht: Wer hat, will mehr und begehrt. 

Halt im Glauben kann man finden, die Bedeutung der Kirche nimmt aber ab. Der Leistungsdruck ist hoch und die Angst, als Verlierer auf der Strecke zu bleiben. Durch den Leistungsdruck bleibt keine Zeit für sinnstiftende Tätigkeiten (Musik, Sport, Ehrenamt usw.). 

Der familiäre Zusammenhalt ist nicht mehr so stark, zumal man heutzutage beruflich mobil sein muss und nicht mehr im Heimatdorf bleiben kann. Konflikte landen vor Gericht, statt sie auszuhandeln. 

Es gibt viele Wege, sich ein unglückliches Leben zu gestalten, obwohl man gute Lebensbedingungen hat. Eins ist sicher: Ich bin am Internatsgymnasium Hermann Lietz-Schule Spiekeroog äußerst glücklich! 

Lieber Florian Fock, wir danken Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Interview. 

Ihre Helga König, Ihre Simone Langendörfer 
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www.lietz-spiekeroog.de 

Hermann Lietz-Schule Spiekeroog gGmbH 
Staatlich anerkanntes Gymnasium 
mit Internat in freier Trägerschaft 
Hellerpad 2 
26474 Spiekeroog 
fon +49 4976 9100-0 
• fax +49 4976 9100-91 
info@lietz-spiekeroog.de 
Amtsgericht Aurich HRB 1536 
• USt.-IdNr. DE 190 349 36 
 Leiter und Geschäftsführer: Florian Fock, OStD
Foto: Hermann Lietz-Schule Spiekeroog gGmbH 

Simone Langendörfer und Helga König im Gespräch mit Hans-Georg Nelles, Sozialwissenschaftler, Erwachsenenbildner als auch Organisationsberater

Lieber Hans-Georg Nelles, sie sind Sozialwissenschaftler, Erwachsenenbildner als auch Organisationsberater und begleiten seit mehr als 15 Jahren Unternehmen, Kommunen, Hochschulen und Organisationen darin, die Potenziale aktiver Vaterschaft zu nutzen. 

Dabei legen Sie den Fokus auf das Zusammenwirken von Väterlichkeit, Verantwortung und Führung, um die positiven Erfahrungen, die Männer in der Familie mit Kindern machen, in deren Arbeit zu integrieren. 

Sie engagieren sich ehrenamtlich in zahlreichen Initiativen und Vereinen, die Anliegen von Vätern und Männern thematisieren und vor Ort, aber auch in der Politik nachhaltige Angebote und Strukturen schaffen möchten. In Ihren Vorträgen bewegt Sie die Frage, wie eine Jungenpolitik aussehen kann, die keine Politik für Jungen, sondern eine mit ihnen gemeinsam gestaltete ist.

Verheiratet sind Sie  seit über 30 Jahren und Vater von drei erwachsenen Kindern.

Wir freuen uns, das Sie an unserem Interviewprojekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht" teilnehmen:

Simone Langendörfer: Werden Kinder heute extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck? 

Hans-Georg Nelles
Hans-Georg Nelles: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und das färbt auf Eltern und Kinder ab. Zusätzlicher Druck entsteht sicherlich durch sich auflösende Sicher- und Gewissheiten. Es kommt nicht mehr von alleine, dass es die Kinder besser haben werden als ihre Eltern. Aber Eltern möchten ihr Bestmöglichstes tun, damit es doch passiert. Von Drill kann aber dennoch keine Rede sein. 

Helga König: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war?

Hans-Georg Nelles:  Kindsein heißt, die Welt entdecken und Fragen stellen dürfen, Dinge tun von denen Erwachsene nichts (mehr) verstehen. Das war zu einer Zeit, in der nicht alles geregelt und durchgeplant war sicherlich einfacher als heute. In meiner Kindheit war Stubenarrest eine Strafe, heute ist es eher umgekehrt.

Simone Langendörfer
Simone Langendörfer:  Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen? 

Hans-Georg Nelles: Wenn Schulen Kindern den Spaß am Entdecken und Lernen nicht austreiben und ihnen Gelegenheiten bieten würden ihren Wissensdrang selbsttätig abzuarbeiten, wären nicht nur viele Kinder und ihre Eltern glücklicher, sondern auch die Beschäftigten der bisherigen "Lernfabriken". 

Helga König: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

Hans-Georg Nelles: Wenn Kinder gedopt werden sind ihre Eltern entweder die Dealer oder sind selber Mitabhängige. Die Motive sind zwar meist noch am Rande des Redlichen, die Wirkungen des Tablettenkonsums aber kaum.

Simone Langendörfer:. Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

 Hans georg
Hans-Georg Nelles: Weil Mann und Frau Glück nicht kaufen kann. Es hat vielmehr mit Zufriedenheit und gerade für Kinder mit schönen Erlebnissen mit dem Vater und/oder der Mutter zu tun. 

Helga König: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

Hans-Georg Nelles: Ich gehe mal davon aus, dass ich mit oder ohne Kinder zu dem Arzt bzw. der Ärztin gehe, der ich vertraue. Und Nein sagen hilft manchmal auch weiter. 

Simone Langendörfer:  Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

Hans-Georg Nelles: Das sind doch alles Zuschreibungen, die ich in meinem Kopf produziere oder die Andere dem Kind schon an die Stirn geheftet haben. Kinder können extrem traurig sein und im nächsten Moment wieder aufdrehen. Das ist die ganz normale Gefühlsskala. 

Helga König
Helga König: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

Hans-Georg Nelles: Ihnen die Freude nicht nehmen, z.B. mit dem Gerede vom Ernst des Lebens und der Geschichte vom Hänschen … 

Simone Langendörfer:  Gibt es in Deutschland eine „Armut an Liebe und Geborgenheit“? 

Hans-Georg Nelles: Das würde ich so nicht sagen, es gibt einen zunehmenden Mangel an Zufriedenheit und eine wachsende Problemsicht. Insbesondere Familie, Kinder werden mit Problemen in Verbindung gebracht. Das wirkt sich natürlich negativ auf‚ Liebe und Geborgenheit‘ aus 

Helga König: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

 Hans-Georg Nelles
Hans-Georg Nelles: Das hängt vielleicht damit zusammen, das Zufriedenheit und Glück mit materiellen Zielen und Werten in Verbindung gebracht und die Freude über schöne Momente und das was wirklich wichtig ist im Leben, gelingende Beziehungen und gemeinsame Erfahrungen …, dabei verloren gehen.

Lieber  Hans-Georg Nelles, wir danken Ihnen für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Simone Langendörfer, Ihre Helga König


Helga König und Simone Langendörfer im Gespräch mit Jens Koch (Künstlername Jando), Verleger und Autor

Lieber Jens Koch, Sie sind Verleger und u.a. Autor des Märchens "Sternenreiter", das demnächst verfilmt, im Kino zu sehen sein wird. 

Wir freuen uns sehr, dass auch Sie sich entschieden haben, an unserem Interview-Projekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht? teilzunehmen.

Helga König: Werden Kinder heute extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck? 

 Jens Koch
Foto: Mandy Vollmer
Jens Koch: Kinder stehen unter enormem Leistungsdruck. Neben der allgemeinen Flut an Informationen, die allein auf die Kinder und Jugendlichen über die täglich frei verfügbaren Medien oft aufgrund mangelnder Medienkompetenz ungefiltert auf die Kinder einprallen, stehen die Kinder auch und gerade in der Schule unter massivem Leistungsdruck. Gute SchülerInnen werden gesehen, die schwächeren oftmals übersehen. Es entsteht der Eindruck, der Lehrer müsse seinen Lehrplan durchsetzen, während der einzelne Schüler/die einzelne Schülerin nicht mehr mit ihren/seinen Stärken und Schwächen gesehen werden kann. 

Simone Langendörfer: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war?

Jens Koch: In der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts waren weder das Fernsehen noch die Medien auch und gerade in ihrer Wichtigkeit präsent. Kinder unterlagen weniger den Vergleichen, dem Markenbewußtsein und des Markendrucks, so dass sie sich doch unbeschwerter in der Natur, dem Spielen, im Miteinander aufhalten konnten. Für mich ist Kindsein, dem Bewegungsdrang, Forscherdrang, der Entdeckungslust eines Kindes und seiner Neugier gerecht zu werden. Kind einfach Kind sein lassen, auch seine eigenen Entwürfe entwickeln lassen zu können. Hierfür auch die Freiräume zu erhalten - Gehen diese Fähigkeiten und Träume verloren, geht das Beste im Kind verloren.

Helga König: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen? 

 Jens Koch
Foto: Mandy Vollmer
Jens Koch: Den Druck von den Lehrern nehmen, einzig ihre Lehrpläne durchzudrücken. Die Förderung des Miteinanders - Erweiterung des Ausflugswesens, ein Mehr in der Natur - mehr Raum für Gespräche, Bewegungsfreiheit, echte Einbindung und Akzeptanz der Eltern - Förderung und Sensibilisierung von Mobbing-Kompetenz bei den Lehrern. Höhere Gewichtung auf die Fächer Sport, Theater, Musik. Gerade diese Fächer sind als Nebenfächer klassifiziert. Gerade die Musik sensibilisiert das Hinhören, das Lernverhalten - Theater lehrt nicht nur Teamgeist und Disziplin, sondern auch die eigenen Fähigkeiten, sich auszudrücken und in der Welt zu stehen, sich zu zeigen. Und Sport ...neben Teamgeist, Fairplay spornt es zu Leistungen an und fördert den Stressabbau und das Durchhaltevermögen. 

Simone Langendörfer: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

Jens Koch: Ich gehe davon aus, dass hier die Vergabe von Ritalin an Kinder gemeint ist. Ich selber lehne die Vergabe solcher Mittel ab und begrüsse die Meinung von Herrn Prof. Dr. Hüther, der klar sagt, geht raus mit den Kindern, tobt mit ihnen, bis sie erschöpft sind - macht Sport, seht die Kinder und ihre Bedürfnisse. Ich verurteile jedoch kein Elternteil, das eine solche Vergabe vornehmen muß. Gerade in Kindergärten und Schulen werden oft Eltern angesprochen, dass ihr Kind verhaltensaufällig ist, die anderen Kinder stört und eine solche Vergabe empfehlen - ebenso wie Kinderärzte eine solche Vergabe empfehlen. Eltern werden dadurch verstärkt unter Druck gesetzt, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. Eltern könnten hier gestärkt werden, einen mutigeren Weg zu gehen, Wege aufgezeigt bekommen, andere Wege zu beschreiten. 

Helga König: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich?

Jens Koch:  Kinder brauchen den Raum für Fantasie. Wird ihnen dieser Raum ausschließlich durch materielle Dinge genommen, gehen ihre Träume verloren und ihre Kreativität. Es fehlt gerade aufgrund von materiell guter Bedingungen an Wärme, Zuwendung und dem besonderen Ansporn, ihre Ziele zu erreichen. Sie verlernen regelrecht, glücklich zu sein, weil ausschließlich das Materielle als Definition untereinander zu scheinen gilt. Der Reiz des Materiellen ist jedoch kurz, die innere Fülle muss solange weichen, bis kaum noch mehr Zugang dazu da ist. Kinder, die nicht mithalten können, werden ausgeschlossen, sind Aussenseiter.

Simone Langendörfer:  Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

  Jens Koch
Foto: Mandy Vollmer
Jens Koch: Mißtrauen wäre ein zu harter Begriff. Ich halte eine Haltung der Eltern für gut, die sich eingehender informiert, sich den Raum gegenüber den Ärzten nimmt, Fragen zu stellen und zum Kindeswohl, diese auch umsetzen. Hierbei ist es wichtig, dem Kind auch vorzuleben, dass nicht das Erstbeste gleich gilt und durchaus auch die Aussagen eines Arztes verifiziert werden, indem sich eine weitere Meinung eingeholt wird.

Helga König: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

Jens Koch. In allem denke ich sofort: helfen und unterstützen, zur Seite stehen. 

Simone Langendörfer:  Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

Jens Koch: Sich in erster Linie wieder zurückversetzen, was wir als Kinder gerne mochten. Was war uns wichtig? Zusammenhalt, Lachen, Träumen, Bewegung. Wer sich daran erinnert, weiß auch, dass Lernen wie im Flug geht, wenn man entspannter ist, glücklicher ist. Und zum Glücklichsein braucht es kindgerechtes Lernen, vor allen Dingen auch das Lernen neuer Fächer, neuer Inhalte. Märchen als Unterrichtsfach wäre ein guter Anfang. 

Helga König: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"? 

Jens Koch: In einer Zeit, die so eng getaktet ist, wie die unsrige, gehen die Räume für Liebe und Geborgenheit verloren. Es entsteht der Eindruck, dass diese Werte weniger wichtig sind, auch und gerade Kindern wird dieses vermittelt. Dabei sehnt ein jeder sich danach. Eine Gesellschaft, die Kindern keinen Freiraum bietet, hat für meine Begriffe keine rosige Zukunft. Ebenso eine Gesellschaft, die vorlebt, dass Tiere nur Gegenstände sind, geht seiner eigenen Gefühlsarmut entgegen. Eine Gesellschaft, die vorlebt, dass ausschließlich Materie und Geld zählen, läßt andere Werte und Tugenden, die die Seele füllen, außer Acht und verblassen. Ein bißchen mehr Mut zur Langsamkeit, den Anderen sehen, ihn annehmen, ist das wahre Gut, das überdauert. 

Simone Langendörfer: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich?

  Jens Koch
Foto: Mandy Vollmer
Jens Koch:  Ist es wirklich so? Ich vertrete die Einstellung, dass es noch eine Denker- und Dichterseele gibt, die gerne erblühen möchte aber nicht mehr darf. Die Sehnsucht nach Schönem und Immateriellem ist groß doch der Mut, andere Wege zu gehen, ist noch nicht da. Gerade die ewige Jagd nach Erfolg bringt ab einem bestimmten Punkt kein Wachstum mehr, da gilt es, sich anderer Werte zu besinnen, die allerdings in der Zwischenzeit auf dem Erfolgsweg verloren gegangen sind. Genau dort ist der Punkt, wo Unzufriedenheit und das Gefühl des Unglücklichseins entstehen kann. Die alten deutschen Tugenden und Werte haben unsere Gesellschaft lange getragen und gestützt. Langsam wirken diese Tugenden verloren, oder gar der Mut, diese Tugenden anzuwenden, geht verloren. Diese Werte wirken nur noch wie eine Erinnerung aber nicht mehr als gelebtes Gut.

Lieber Jens Koch, wir danken Ihnen für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König,  Ihre Simone Langendörfer


Mandy Vollmer

Simone Langendörfer und Helga König im Gespräch mit Freiherr Maximilian von Düring, Wirtschaftscoach, Trainer und Speaker

Lieber Max von Düring, Sie arbeiten bei Röver & Düring als Business Coach und Trainer in mittelständischen Unternehmen und Konzernen mit überwiegend männlichen Führungskräften an Führungsthemen sowie der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. 

Dank Ihrer beiden Kinder haben Sie so gut wie jedes Schwimmbad des Göttinger Umlandes kennengelernt und zahlreiche Fußballplätze glücklich und heiser verlassen. 

In Ihren interaktiven Vorträgen gehen Sie der Frage nach dem Selbstverständnis des Mannes in der heutigen Gesellschaft nach. 

Wir freuen uns, dass Sie an unserem Interview-Projekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht" teilnehmen.

Simone Langendörfer: Werden Kinder heute extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck? 

 Max von Düring
Foto: Mirko Plha
Max von Düring: Ich höre ab und an von Kindern, die ab dem Kindergarten schon mehrere Fremdsprachen lernen sollen. Da stecken überehrgeizige Eltern dahinter. Am Ende sind die Kleinen immer auch Spiegelbild unserer Gesellschaft. Wir alle tragen also Verantwortung. 

Helga König: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war? 

Max von Düring: Kindsein heißt spielen dürfen. Es gibt nichts Besseres, als sich im Spielen zu erleben und zu entdecken. Kindsein war damals für mich: raus in den Wald, bolzen, Fahrrad fahren, beim Nachbarkind klingeln und abends um 6 mit dreckigen Hosen zum Abendbrot zu erscheinen. Wir waren glücklich. Da hilft es aber nun nicht, nostalgisch zu werden und die Computerkids zu beklagen, die mit ihrem Smartphone verwachsen sind, sondern durch entsprechende Angebote und aktives Vorleben den Grundstein für eine gelingende Zukunft zu legen. Jeden Tag neu. 

 Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen? 

Max von Düring: Die Schule ist nicht dazu da, Kinder "wirklich glücklich" zu machen, der Anspruch ist zu hoch und vermessen. Die Frage sollte lauten: wie könnte Schule gestaltet sein, damit Kinder traurig sind, dass die Ferien anfangen? Die Schule muss nicht nachholen, was das Elternhaus verpasst hat, sie sollte aber neben dem Vermitteln von Wissen und Fähigkeiten eine Atmosphäre bieten, in denen sich Kinder geborgen und angenommen fühlen und ihre Potenziale entwickeln können. Fachkompetenz, Sozialkompetenz, Methodenkompetenz, alles das gehört dazu. Der Blick sollte dabei auf die Entfaltung des individuellen Potenzials gelegt werden. Bei Klassengrößen über 20 ist das oft schwierig. 

Helga König: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

  Max von Düring
Foto: Mirko Plha
Max von Düring: Die Hauptrolle. Leider. Oft, weil sie die Kinder als persönliche Visitenkarte benutzen, um sich selber in glänzendem Lichte darzustellen. Das entstammt dann nicht einem sehr ausgeprägten Selbstwert, wenn ich das als Elternteil brauche. Wenn mich ein Vater bittet, seinen schwierigen Sohn zu coachen, fange ich erstmal mit dem Vater an. 

Simone Langendörfer:  Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

Max von Düring: Im Industriezeitlater dachte der Mensch: materielle Sicherheit = Glück. Wir wissen schon lange, dass das nicht funktioniert. Wir brauchen das Gefühl von Verbundenheit und innerem Wachstum. Das ist wie eine kleine Glücksformel für mich: Ich schaue jeden Tag, wie ich mein Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit mit anderen Menschen stärken kann und suche mir zweitens Aufgaben, an denen ich wachsen kann. Das lebe ich meinen Kindern vor. Sie pflegen intensive Freundschaften und lieben Herausforderungen. 

 Helga König
Helga König: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

Max von Düring: Sie sollten kritische Fragen stellen, aber auch nicht zuviel von den Ärzten erwarten. Die Natur hilft auch heilen und der Körper hat Selbstheilungskräfte. Eine anständige Erkältung kann man auch mal durchstehen und muss sie nicht gleich mit harten Chemiekeulen wegdrücken, um weiterhin seine Leistung abzurufen. Misstrauen halte ich für keinen guten Ratgeber.

Simone Langendörfer: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

Max von Düring: Dass es eine Vergangenheit hat, die ihn zu dem Verhalten gebracht hat, das es da gerade zeigt. Das depressive Kind hat mein Mitgefühl, ich versuche, es aufzumuntern und ihm Angebote zu machen, sich selbst als wertvoll zu erleben. Das verträumte Kind lasse ich träumen, schaffe ihm aber auch Anreize, aktiv etwas zu gestalten. Das aufgedrehte Kind soll sich auspowern, braucht aber auch Aufgaben, bei denen die Power in die richtigen Bahnen gelenkt wird, sonst verpufft sie wirkungslos.

Helga König: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

 Max von Düring
Foto: Mirko Plha 
Max von Düring: Ich hatte einen Lehrer, der vermittelte Wissen in Form von Bildern, Geschichten, Anekdoten. Es war lebendig, emotional, mitreissend. Jeder Lehrer kann sich und seinen Schülern das Geschenk machen, selber begeistert zu sein, von dem was er vermitteln möchte und sich vor jeder Stunde die Fragen stellen: Wofür gehe ich gleich durch diese Tür? Was ist meine 45-Minuten Mission? Wie soll es uns allen gehen, wenn wir nach 45 Minuten hier wieder rausgehen? Wollen wir inspiriert sein und uns gewachsen fühlen oder bin ich froh, wenn die Stunde endlich um ist? Wenn wir unsere Herzensangelegenheit kennen würden, wären wir viel weniger halbherzig, sondern mit vollem Herzen bei der Sache und würden mit Interesse und Begeisterung an Neues herantreten. Das gilt für’s Lernen wir für’s Lehren.

Simone Langendörfer: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"? 

Max von Düring: Das kann ich nicht pauschal beantworten. Aber ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen in unserem Land viel mehr umarmen und küssen, lachen und aufeinander zugehen. Gerade für Kinder ist das wichtig, denn ich erlebe viele "körperlose" Erwachsene, die kopfgesteuert durch die Unternehmen wandeln. Das tut unseren Organisationen nicht gut, es fehlt das Herz. 

Helga König: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

Max von Düring: Manchmal steht uns wohl unsere deutsche Penibilität im Weg. Eingefahrene Vorstellungen und Erwartungen machen unglücklich, wenn sie nicht erfüllt werden. Ich lasse mich oft einfach nur auf das ein, was ich erlebe, dann kann ich Neues entdecken und werde nicht von meinen Vor-Stellungen enttäuscht. Außerdem sind wir eine satte Gesellschaft. Wir haben alles zu jeder Zeit. Das ist langweilig. Verzicht wäre ein Weg zu mehr innerer Fülle.

Lieber Max von Düring, danke für das aufschlussreiche Interview

Ihre Simone Langendörfer, Ihre Helga König


Helga König und Simone Langendörfer im Gespräch Dr. Rüdiger Dahlke, Arzt, Psychotherapeut, Autor und Seminarleiter

Lieber  Dr. Rüdiger Dahlke, Sie sind Arzt, Psychotherapeut, Autor sowie Seminarleiter und auf "Buch, Kultur und Lifestyle" durch aufschlussreiche Interviews zu  Ihren wunderbaren Büchern und CDs vertreten. Wir freuen uns sehr, dass Sie heute an dem Interviewprojekt, "Wann ist eine Kindheit kindgerecht?" teilnehmen.

Helga König: Werden Kinder heute extrem auf Leistung „gedrillt“ und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck?

 Dr. Rüdiger Dahlke
Foto: Sissi Furgler
Dr. Rüdiger Dahlke: Nach meinem Eindruck ist das bei Kindern die gleiche Entwicklung wie bei Erwachsenen, überall dreht sich alles immer mehr um Leistung und letztlich ums Geld. Wir leben schon längst mit einer Geldreligion. Geld bestimmt die Wissenschaft, die Politik und die Wirtschaft. und Geld muss immer mehr Geld verdienen und darf insofern nie Ruhe geben. 

Simone Langendörfer: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass  "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war? 

Dr. Rüdiger Dahlke: Also persönlich war ich in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts lieber Kind (1951 geboren), auch wenn es in der Nachkriegszeit natürlich viele materielle Einschränkungen gab. Ich verbinde Kindheit mit dem entsprechenden "Lebensprinzip" "Mond", zu dem auch das Weibliche, Rhythmische, Fließende usw. gehört, und all das leidet unter dem herrschenden Turbo-Kapitalismus gleichermaßen. 

Helga König: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen? 

Simone Langendörfer: Da hat Prof. Gerald Hüther ja schon viele Vorschläge gemacht, denen ich mich nur anschließen kann. Aus meiner Sicht, müsste das spielerische Element wieder viel mehr in den Mittelpunkt und die Freude, der Spaß am Lernen. Ein ganz wesentlicher Punkt aus meiner Sicht, ist die Integration der "Schicksalsgesetze" – der Spielregeln des Lebens" in selbiges. Kinder lernen am besten durch Resonanz. Insofern müsste eine Gesellschaft, der ihre Kinder und die Zukunft wichtig sind, Lehrer in eine Position bringen, wo Kinder gern mit ihnen in Resonanz gehen. Aber unsere Gesellschaften, in denen die Geldreligion herrscht, zahlen sie so schlecht, dass kaum noch Männer Lehrer werden, denn sie können mit einem Lehrergehalt nicht mal eine Familie anständig erhalten… das wäre aber besonders in Zeiten so vieler alleinerziehender Mütter wichtig, denn deren Kinder treffen ja weder in Kindergarten noch Volksschule auf männliche Lehrer, bestenfalls an Gymnasien und Unis, wo es dann schon deutlich zu spät ist. 

Simone Langendörfer:  Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

  Dr. Rüdiger Dahlke
Foto: Sissi Furgler
Dr. Rüdiger Dahlke: Die zentrale Rolle – ohne überzogenen Ehrgeiz der Eltern wäre das wohl gar kein Thema.

Helga König: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

Dr. Rüdiger Dahlke: Unter anderem wohl weil sie schon als Kinder wie kleine Erwachsene agieren, mit Agenda und Handy, und einem ziemlichen Stress… obendrein leben sie meist naturfern, bewegungsarm und katastrophal ernährt. Hier wäre so leicht so vieles mittels pflanzlich-vollwertiger Ernährung im Sinne von "Peace-Food" zu bessern, die nicht nur gesünder erhält, sondern auch den Bewegungsdrang erhöht und für inneren Frieden sorgt. 

Simone Langendörfer:  Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

Dr. Rüdiger Dahlke: Jenen modernen Mediziner auf jeden Fall, die statt auf viel Bewegung in frischer Luft, genügend Entspannung und pflanzlich-vollwertiger Ernährung zu Pillen und Impfungen raten. 

Helga König: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

Dr. Rüdiger Dahlke: Depressive Kinder machen auch mich traurig, verträumte glücklich, weil ich für sie noch Hoffnung habe, dass sie ihre Fähigkeit zu träumen bewahren, ein extrem aufgedrehtes Kind war ich selbst und auch da ist Hoffnung, wenn diese Energie von Eltern günstig kanalisiert und geleitet wird. 

Sabine Langendörfer: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

Dr. Rüdiger Dahlke: Sie könnten Kindern die Spielregeln des Lebens im Sinne der Schicksalsgesetze Polarität – Resonanz usw. beibringen, statt sie mit Fakten abzufüllen, die sich heute leicht überall finden lassen. Damit würden Kinder in die Lage versetzt, auch diese überwältigende moderne Welt besser zu begreifen, darin erfolgreicher zu agieren und damit insgesamt glücklicher leben. 

Helga König: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"? 

  Dr. Rüdiger Dahlke
Foto: Sissi Furgler
Dr. Rüdiger Dahlke: Das befürchte ich schon, schon weil es gar keine Zeit mehr für Familienleben und Zuhause gibt, Gemütlichkeit und Geborgenheit brauchen aber Zeit. 

Simone Langendörfer: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

Dr. Rüdiger Dahlke: Wohl weil die Ansprüche so hoch sind – jedenfalls in materieller Hinsicht und auf dieser Ebene kein Glück zu erreichen ist. Geld kann nie glücklich machen, aber sehr unglücklich. Literatur von Ruediger Dahlke zum Thema: „Geheimnis der Lebensenergie“, „Peace-Food“, "Krankheit als Symbol", „Lebenskrisen als Entwicklungschancen“ 

Lieber Dr. Rüdiger Dahlke, vielen Dank für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König; Ihre Simone Langendörfer

Simone Langendörfer und Helga König im Gespräch mit Steffi Bieber -Geske, Journalistin, Kinderbuchautorin und Verlegerin

Liebe Steffi  Bieber-Geske, Sie sind Journalistin, Kinderbuchautorin, Verlegerin und Mutter von zwei kleinen Kindern. Wir freuen sehr uns, dass Sie sich entschieden haben, am Interviewprojekt "Wann ist eine Kindheit kinderecht?" teilzunehmen. 

Simone Langendörfer: Werden Kinder heute extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck? 

Steffi Bieber-Geske
Steffi  Bieber -Geske: Die meisten Kindergärten haben heute ein offenes Konzept. Das bedeutet, die Kinder können bis zu ihrem 6. Geburtstag weitgehend machen, worauf sie gerade Lust haben. An vielen Grundschulen heißt es dann plötzlich: hinsetzten, Klappe halten und machen, was der Lehrer sagt. Viele Kinder verkraften diesen abrupten Übergang nicht und verlieren schon im ersten Schuljahr die Lust am Lernen. Gleichzeitig werden sie schon ab der 1. Klasse unter Leistungsdruck gesetzt und sollen möglichst in zwei Jahren alle Rechenarten, perfekt lesen und zwei Arten zu schreiben lernen. 

Das Problem: Vielen Lehrern geht es in erster Linie darum, den antiquierten Lehrplan zu erfüllen. Damit reagieren sie auf die gesellschaftlichen Anforderungen und natürlich auch auf Druck vieler Eltern, die verständlicherweise wollen, dass aus ihren Kindern mal etwas wird. Dass der momentan eingeschlagene Weg genau das Gegenteil bewirkt, sehen wir anhand der immer schlechter werden Leistungen der Schulabsolventen und der Tatsache, dass viele Unternehmen ihre Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen können, weil die Bewerber keinen fehlerfreien Satz schreiben können und mit den Grundrechenaufgaben überfordert sind. 

Helga König:  Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass"Kindsein" in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war? 

Steffi  Bieber -Geske: Kindsein heißt für mich, die Welt entdecken zu dürfen – und zwar im geschützten Rahmen einer liebevollen Familie. Das ist schwierig. Meine Freunde und ich waren in unserer Kindheit in den 1980er Jahren manchmal den ganzen Tag draußen unterwegs – ohne Erwachsene. Und keinem von uns ist je etwas passiert. Ich lasse meine Kinder ohne Aufsicht nur in unserem eigenen Garten und bei Freunden spielen. Ich habe einfach zu große Angst, dass ihnen etwas zustößt. So sehr ich ihnen die Freiheit, die ich hatte, wünschen würde, mein Bedürfnis, sie zu schützen, ist größer. Dass uns Eltern diese Angst natürlich auch von den Medien gemacht wird, ist mir völlig klar. Sie zu überwinden, fällt mir wie vielen Müttern trotzdem sehr schwer. 

 Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen? 

Steffi  Bieber -Geske: Auch wenn es banal klingt: Die Schulen müssten die Kinder endlich in den Mittelpunkt stellen und individuell fördern. Jedes Kind hat andere Talente und sollte für seine Leistungen und Anstrengungen gelobt werden, statt mit schlechten Noten bestraft zu werden, weil es in irgendeinem Bereich vielleicht etwas langsamer lernt. Kinder wollen lernen und sie wollen die Eltern und Lehrer stolz machen. Dazu braucht es keinen Druck und auch keine Noten. Stattdessen sollte vor allem an den Grundschulen die Freude am Lernen, die spielerische Wissensvermittlung, das Lernen durch Ausprobieren Priorität haben. Lesen lernen Kinder zum Beispiel am besten, wenn es sie interessiert, was dort steht. 

Wenn das ein Superhelden-Comic oder ein Tier-Magazin ist, warum müssen die Leseanfänger stattdessen in der zweiten Klasse schon Kinderbuchklassiker lesen? Wichtig ist doch zunächst, dass sie das Lesen lernen und Freude dabei empfinden – dann lesen sie später auch freiwillig andere Literatur. Und was es bringen soll, ein Kind zu zwingen, ein Gedicht auswendig zu lernen, das es gar nicht verstehen kann, erschließt sich mir einfach nicht. 

Ich sehe auch keinen Grund, warum man in Fächern wie Kunst, Musik und Sport Noten geben muss. Ich kann doch ein Kind nicht dafür bestrafen, dass es klein ist und darum nicht weit springen kann oder dafür dass es nun mal keine schöne Singstimme hat. Macht es nicht viel mehr Sinn, wenn Kinder Spaß daran haben, sich zu bewegen, verschiedene Musikstile – auch moderne – kennen lernen und Instrumente ausprobieren dürfen oder frei zeichnen, basteln und töpfern können, um ihre Gefühle auszudrücken? 

Und warum muss sich ein Teenager ohne jedes Interesse für Mathematik mit der Integralrechnung quälen? Wäre nicht eine breite Allgemeinbildung in allen Bereichen viel wichtiger als Spezialthemen, die 90 Prozent der Schüler in ihrem ganzen Leben nie wieder brauchen? Warum steht an den amerikanischen Highschools Fächer wie Kreatives Schreiben, Rhetorik, Babysitting oder Reparaturen auf dem Stundenplan – während wir uns an Altbewährtes klammern und eine ganze Generation lebensunfähiger und auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbarer Jugendlicher ins Leben entlassen? 

Helga König: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

 Steffi Bieber-Geske
Steffi  Bieber -Geske:  Wir jungen Eltern fühlen uns immer häufiger überfordert – vom Alltag, vom Beruf, von unseren Kindern. Wenn in einer solchen Stresssituation ein Kinder ständig "quer schießt", ist es verständlich, wenn verzweifelte Eltern nach dem "Rettungsanker Medikament" greifen, wenn der Arzt ihnen erklärt, ihr Kind bräuchte das. Man muss schon viel Selbstbewusstsein besitzen, um dann zu sagen: Mein Kind ist nicht krank, es ist ein Kind! Ich würde mir wünschen, dass wieder mehr Eltern dieses Selbstbewusstsein entwickeln und selbst spüren, was ihr Kind braucht. Doch das wird nur gelingen, wenn wir aus diesem Teufelskreis aus Zeitdruck, Erfolgsdruck und Existenzangst ausbrechen. Und das werden in den nächsten Jahren immer mehr Menschen tun. 

Simone Langendörfer:  Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich?

Steffi  Bieber -Geske:  Weil 6-Jährige kein I-Phone und keine Playstation brauchen, sondern Eltern, die mit ihnen an den See fahren, in den Wald gehen, ins Kino oder Eis essen. Dafür braucht man gar nicht so viel Geld, aber Zeit. Und die fehlt den meisten von uns leider. Wenn sich endlich beide Elternteile gleichberechtigt Erwerbs- und Familienarbeit teilen dürften, ohne dafür am Existenzminimum leben zu müssen, sehe ich Chancen dafür. Die 30-Stunden-Woche für Mütter und Väter bei teilweisem Gehaltsausgleich durch den Staat wäre für mich ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Gleichzeitig müssen die Arbeitgeber endlich verstehen, dass auch Väter ein Recht darauf haben – und auch die Pflicht dazu –, ihre Kinder großzuziehen. Und die Väter müssen sich dieses Recht auch einfordern. Ich glaube, dass meine Generation hier gerade wichtige Pionierarbeit leistet. 

 Helga König
Helga König: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

Steffi  Bieber -Geske:  Auch wenn man seinem Kinderarzt vertrauen können sollte, darf man seinen gesunden Menschenverstand und den natürlichen Instinkt, mit dem Eltern in der Regel wissen, was gut für ihr Kind ist, nicht am Empfang abgeben. 

Helga König: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

Steffi  Bieber -Geske: So sind Kinder – mal himmelhochjauchzend, mal zu Tode betrübt. Aber wenn ein Kind immer traurig, geistig abwesend oder total aufdreht ist, sollte man natürlich ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. In vielen Fällen wir man mit Ergotherapie einiges erreichen können – und die Kinder haben auch noch Spaß dabei. 

Simone Langendörfer: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

 Steffi Bieber-Geske
Steffi  Bieber -Geske: Indem Eltern und Lehrer den Druck rausnehmen und die Kinder wieder Kinder sein lassen, statt sich darüber Gedanken zu machen, ob es das Kind auch aufs Gymnasium schafft. Vor allem ist meines Erachtens aber die Politik gefragt, die einiges auf den Kopf stellen müsste. Sie könnte die Eltern finanziell so entlasten, dass diese mehr Zeit für ihre Kinder hätten. Sie könnte die Ausbildung der Lehrer modernisieren und Lehrer und Erzieher besser bezahlen, damit die talentiertesten Absolventen nicht andere Karriereoptionen wählen. 

Die Politik könnte die Schulen und Kitas finanziell anders ausstatten, damit der Personalschlüssel besser wird und moderne Lernmittel angeschafft werden können. Ein Kernpunkt für mich: Vor allem die Kinder aus einkommensschwachen Familien könnte man viel besser unterstützen, indem kein Kindergeld mehr an die Eltern ausgezahlt wird, sondern das Geld direkt den Kindern zugute kommt, zum Beispiel durch kostenlose Kita-Plätze inklusive Verpflegung oder durch Schulen, an denen alles kostenlos ist: von Lernmaterialien und Kleidung über vier Mahlzeiten am Tag bis zu Arbeitsgemeinschaften, Ausflügen und Klassenfahrten. So würde sichergestellt werden, dass alle Kinder in Deutschland mit ähnlichen Chancen ins Leben starten. 

Helga König: Gibt es in Deutschland eine „Armut an Liebe und Geborgenheit“? 

Steffi  Bieber -Geske:  Ja, weil hochgradig gestresste, überforderte Menschen keine Geborgenheit vermitteln können. Und das von der Politik auch nicht unterstützt wird – schauen Sie sich doch die Zustände in den Krankenhäusern und Altenheimen an. Dort wird gespart, koste es was es wolle. Zuwendung und Geborgenheit braucht Zeit. Und in einer Gesellschaft, in der hilfsbedürftige Menschen wie Kinder und Senioren nicht als Bereicherung empfunden werden, sondern als Last, mangelt es an allen dreien. 

Simone Langendörfer: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

 Steffi Bieber-Geske
Steffi  Bieber -Geske:  Weil wir vergessen haben, worauf es im Leben wirklich ankommt und es uns, selbst wenn wir das erkannt haben, schwer fällt, einen Ausweg aus dem Hamsterrad zu finden. Und weil die immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich ein ständiges, diffuses Gefühl der Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit fördert. Vor allem die Mittelschicht fühlt sich zunehmend als „Melkkuh“ der Nation und wird darum langsam ähnlich unzufrieden wie die einkommensschwachen Schichten. Eine solche Stimmung ist gefährlich und fördert Intoleranz und Hass. Darum herrscht von Seiten der Politik dringender Handlungsbedarf.

Liebe Steffi Bieber-Geske, besten Dank für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König, Ihre Simone Langendörfer

Kinderbuchverlag Biber & Butzemann
Steffi Bieber-Geske
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15566 Schöneiche bei Berlin
Tel.: 030/83031025